Die Deutschen gehen in die Breite

April 23, 2009  
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Seit Jahren warnen Mediziner vor Übergewicht und seinen Folgen – offenbar umsonst. Eine Reihenvermessung an mehr als 13.000 Menschen hat ergeben, dass die Deutschen in die Breite gehen.

Köln – Da freut man sich am Samstag auf seine Shoppingtour und dann das: Es zwickt und zwackt, das Shirt ist an der Brust zu eng und an den Schultern zu weit, die Hose sitzt an der Taille und unten tritt man drauf oder hat Hochwasserbeine. Das liegt zum einen daran, dass die Kleidergrößen abhängig vom Hersteller unterschiedlich ausfallen, zum anderen aber auch daran, dass die Deutschen in den letzten Jahrzehnten immer breiter geworden sind.

In der „Size Germany“-Studie“ wurden mehr als 13.000 Männer, Frauen und Kinder mittels eines Ganzkörperscanners vermessen. Das ist bei den Frauen die erste Messung seit 15 Jahren, bei den Männern sogar seit fast 30 Jahren. Mithilfe der Ergebnisse sollen nun die Kleidergrößen den Gegebenheiten der deutschen Körper angepasst werden.

Dabei sind die Deutschen nicht wirklich größer geworden, dafür aber breiter. Das teilten Ingenieure der Ergonomiefirma Human Solutions und der Hohenstein Institute, die auf Bekleidungsforschung spezialisiert sind, auf der Textilmesse IMB in Köln mit. Der weibliche Taillenumfang hat in den vergangenen 15 Jahren um durchschnittlich vier Zentimeter erhöht, der Taillenumfang der Männer sogar um viereinhalb Zentimeter. Auch der Brustumfang hat sich vergrößert: bei den Frauen um mehr als zwei Zentimeter, bei den Männern sogar um sieben Zentimeter.

Die Körpergröße hat sich kaum verändert

Die Körpergröße von jungen und älteren Menschen unterscheidet sich hingegen heute kaum noch. Betrug der Größenunterschied 1994 zwischen den 26- bis 35-Jährigen im Vergleich zu den 36- bis 45-Jährigen noch fast drei Zentimeter, so ist er heute kaum noch feststellbar. Bisher wuchsen die jüngeren Generationen immer weiter in die Höhe, was vor allem auf die günstigen Lebensbedingungen zurückzuführen ist. Damit scheint nicht nur ein „Trend“ nach oben gestoppt, sondern es ist eine neue Entwicklung feststellbar, so Andreas Seidl, der Chef von Human Solutions.

Trotzdem steigt die Zahl der sehr großen Menschen in Deutschland an. Die Grenze der größten fünf Prozent der Bevölkerung hat sich stark zu einer höheren Körpergröße verschoben. Hingegen sind die kleinsten fünf Prozent fast gleich geblieben. An diese Grenzwerte werden in der Industrie fast alle Produkte angepasst. Von der Höhe der Türen über die Griffe in der U-Bahn oder die Stuhlgröße. – aufgrund der immer zahlreicher werdenden sehr großen Menschen werden sich die Hersteller an eine neue Obergrenze anpassen müssen.

Virtueller Zwilling entsteht innerhalb Sekunden

Die Studie „Size Germany“ war die erste ihrer Art, die in zwei Jahren flächendeckend so viele Männer, Frauen und Kinder vermessen hat. Dabei war der jüngste Proband sechs Jahre alt, der älteste 87. Gekostet hat das Projekt ein bis zwei Millionen Euro, welche von den rund 100 Bekleidungs- und Autohersteller mitgetragen wurden.

Gemessen wurde mit einem so genannten Bodyscanner, ein Laserscanner, der aus vier Säulen besteht, die eine Lichtebene erzeugen. Mit dieser wird der Körper von oben nach unten gescannt und mittels Kameras die dabei entstehenden Kurven aufgezeichnet und dann an ein Computerprogramm weitergegeben. So werden innerhalb weniger Sekunden 400.000 Messpunkte erfasst. Der virtuelle Zwilling wird dann vermessen. Studienleiter Martin Rupp von den Hohenstein Instituten erklärte, dass auf diese Weise sehr viel mehr Maße genommen werden könnten als mit herkömmlichen Messmethoden. Man bekomme dementsprechend mehr Informationen und könne daher die Konfektionsgrößen genauer beschreiben. Und weil das virtuelle Modell gespeichert bleibe, können auch im Nachhinein noch Daten ausgewertet werden.

Standardgrößen werden jetzt angepasst

Bereits seit Februar können die an der Studie beteiligten Unternehmen über ein Online-Portal auf die neuen Maße zugreifen. Viele haben bereits damit begonnen, die Standardgrößen an die veränderten Gegebenheiten anzupassen. Ziel soll sein, dass dem Kunden seine vertraute Konfektionsgröße wieder besser passt. So wird beispielsweise die Größe 36 für Damen zukünftig weniger tailliert ausfallen und für die Männer wird es vor allem mehr größere Konfektionen geben. Allerdings sind die ersten Veränderungen erst im nächsten Jahr zu erwarten.

Aber auch ein anderes Problem soll angegangen werden. Frauen kennen das Problem: Die Konfektionsgröße 40 eines italienischen Herstellers entspricht einer 36 in Deutschland. Diese europäischen Unterschiede sollen mittels eines einheitlichen Systems ausgeglichen werden. Bereits seit zehn Jahren arbeitet das europäische Normungskomitee CEN an einem solchen System und die „Size Germany“-Studie liefert hierfür wertvolle Daten. Ähnliche Messungen wurden bereits in Spanien, Frankreich, Schweden und Großbritannien durchgeführt. In Zukunft soll dann die Größenbezeichnung aus einem fünfstelligen Code bestehen, der eine Kombination aus Umfangs- und Längenmaßen beschreibt. Der Kunde brauche sich dann nur noch eine einzige Größe merken und würde sie überall in Europa finden können, so Seidl. Die ersten Umsetzungen erwartet er hier in den kommenden zwei Jahren.

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